Ich habe kurz geschluckt als ich das Buch „Gebärdenrhetorik und Gebärdenkodes – Vom Pantomimus bis zum Stummfilm“ in den Händen hielt. Mit über 650 Seiten hat das Werk ganz schön Gewicht. Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis sorgt für Erleichterung denn ein Großteil sind Fallanalysen von Stummfilmszenen und Literaturnachweise. Das ist auch in Ordnung, denn immerhin ist die Publikation einen Doktorarbeit und muss den wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht werden. Was Nikola Wiegeler zwischen 2 Buchdeckel gepackt hat ist bemerkenswert. Um es vorwegzunehmen: Ich habe nicht alles gelesen. Das Buch analysiert in welchem Umfang Gebärden in den Bereichen Pantomime, Commedia dell‘arte, Ballett,Theater und im Stummfilm verwendet wurden bzw. werden. 

Als Pantomime hat mich selbstverständlich der erste Teil besonders interessiert.

Da die neuzeitliche Pantomime eine junge Kunst ist, kann man zwar viel über ihre Ursprünge im alten Rom erfahren doch interessiert mich die aktuelle (und anwendbare) Teil der Theorie mehr. Um so schöner, dass Techniken und Darstellungsmethoden, die ich selber zwar benutze, aber nie theoretisch auseinander genommen haben, nachlesen kann.

Das von Pantomimen gern aufgeführte Argument: „Pantomime wird überall auf der Welt verstanden.“ stimmt auch nur bedingt. Der Pantomime arbeitet mit Assoziationen und ist daher auf verschiedene Erfahrungen und Kenntnisse seines Publikums angewiesen. Menschen aus Kulturräumen, die dem Pantomimen fremd sind, interpretieren ein und die selbe Geste anders.

Stilmittel in der Pantomime

Wie bei einem Bild gibt der Titel des Stückes, im Programmheft angekündigt oder angesagt, eine eindeutige Bedeutung. Diese Möglichkeit sollte man nutzen.

Wie schon Marcel Marceau meinte: „Die vertrauten Gesten werden vom Publikum wiedererkannt, aber sie werden (vom Pantomimen) nach ästhetischen Grundsätzen umgeformt“. Diese Umformungen und Stilmittel hat Nikola noch einmal aufgelistet:

  • Zeitlupe/-raffer
  • Verkürzung (Zeitkomprimierung)
  • Zoom (Entspricht dem optisch Bedeutsam Werden: aus der Bewegungslosigkeit wird „Lebendigkeit, Plastizität, Dynamik“)
  • Totale/Nahaufname (Konzentration auf ein Detail)
  • Schnitt (Verwandlung der Figur, Szenenwechsel ect.)

 

Diese Stilmittel sind filmisch inspiriert.

Interpunktionstechnik Toc und Atem

Ein Toc ist ein kleiner harte Impuls, der eine Bewegung einleitet oder beendet. Er kann wie ein nonverbales Satzzeichen verstanden werden, der das Verständnis verbessert.

Auch mit dem Atem kann Spannung und Entspannung erzeugt werden. Dramatische Bewegungen verlangen Langsamkeit und Ruhe.

Gebärden in der Pantomime

In der modernen Pantomime kommen wenig Gebärden vor. Der Darsteller kann nur auf die Zeichen zurückgreifen, die auch sein Publikum kennt. Vielmehr muss der Pantomime

  • Handlungen simulieren
  • Formgestallt von belebten und unbelebten Dingen annehmen oder
  • lautlose Charaktereigenschaften, Gefühle und Affekte darstellen

Fazit: Das Buch „Gebärdenrhetorik und Gebärdenkodes“ untersucht akribisch die vorhandenen Gebärden in den darstellenden Künsten. Durch den wissenschaftlichen Anspruch ist das Buch vor allen interessant für Theaterwissenschaftler und Laien die der Materie ganz genau auf den Grund gehen möchten. Der Teil mit den Fallanalysen ist für Hartgesottene. Ich glaube es macht mehr Spaß die Stummfilme als solches, Szene für Szene, anzuschauen. Nichts dem zu trotz. Hut ab vor dieser Arbeit.

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